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EXHIBITIONS // AUSSTELLUNGEN, GEFÄSS

Description

Einzelausstellung in der Reihe ,,Das künstlerische Gefäß“, Galerie Forum Beckum, 2001

 

 

  • Ansprache ZUR ERÖFFNUNG
    (gekürzte Fassung)

    „1999 hatten wir mit der Arbeitsgemeinschaft FORUM KERAMIK auf einem unserer Keramikstreifzüge das Glück, eine der bisher wichtigsten Einzelausstellungen von Angelika Maria Stiegler im Keramikmuseum Westerwald, Deutsche Sammlung für historische und zeitgenössische Keramik, zu sehen. Die Ausstellung trug den Titel „Von schönen Frauen, wilden Tieren, von Faunen, Nymphen, Lieb` und Tod“ und zeigte eigentlich den gesamten Querschnitt des keramischen Schaffens von Angelika Maria Stiegler. Nachdem wir auch auf dem bekannten Töpfermarkt in Diessen am Ammersee Arbeiten von Angelika Maria Stiegler im Galeriezelt gesehen hatten, war das Interesse an diesen auffallenden Keramikobjekten geweckt, die sich in ihrer Lockerheit, Frische und Keckheit wohltuend von konventioneller Keramik abheben. So ist es also kein Zufall, dass wir Ihnen heute – nach ihrer großen Einzelausstellung in einer international bekannten Galerie in Deventer, Holland – die Arbeiten von Angelika Maria Stiegler vorstellen wollen.

    Zunächst nähern wir uns formal den Kunstwerken, die grob betrachtet von antiken Leitformen abstammen könnten. Da sehen wir – d.h. wir glauben sehen zu können: antike Strickhenkelamphoren, Kelchkrater, Lekythen, Schalen mit und ohne Henkel oder Füßen, Henkelvasen, Schnabelkannen und was es an Weihe- und Kultgefäßen in der klassischen griechischen Antike vor Christus alles gab. Auch in der klassischen Antike waren die bekannten rotgrundigen und schwarzfigurigen Weihe- und Kultgefäßen über und über mit den Heldentaten aus der Götterwelt der Antike bezogen. Die Kelchkrater und Amphoren, ebenso wie die Schalen, erzählten von Apollon und Artemis, die Kinder der Niobe tötend, wie Archilles Penthesilea ersticht, wie Kampfrichter Springer und Flötenspieler wohl olympische Vorgänge begleiten, wie der Hirte Euphorbos das Ödipuskind wegträgt, wie Zeus Ganymed raubt, wie der Superheld Herakles Amazonen bekämpft, den Augiasstall ausmistet, wie Herakles für Atlas das Himmelsgewölbe halten muß und vieles andere mehr. Archaische Mythen, aber auch profane Handlungen wie olympische Kämpfe sowie Bestattungsriten sind in idealistisch überhöhter Form schwarz auf rot oder auch rot auf schwarz vom Keramiker abgebildet. Dabei finden wir Idealkörper, nach dem damaligen Geschmack wunderschöne Menschen und Körper – nur in einem schönen Körper wohnt auch ein schöner Geist? – Die griechischen idealtypischen Figuren berichten – in vollendete harmonische Komposition eingebunden – von Göttern und Heldentaten, von antikem Mord und Totschlag auch. Die Gefäßobjekte von Angelika Maria Stiegler hingegen haben vollständig andere Funktionen und vollständig andere Inhalte. Schon der bloße äußere Anschein verrät die andere Funktion, verbunden mit neuen andersartigen Inhalten. Da gibt es Vasen mit geschneckten Henkeln, neunhenkelige Vasen, Blumenhenkelvasen, Dreifußvasen, Minnekelche und hochhenkelige Vasen, aber auch den Königspokal und die Europakumme (vor allem so genannt, weil auf der Kumme Europa auf dem Stier abgebildet wird). Während bei den genannten antiken Leitformen das Gefäß als funktionales Kult- und Weihegefäß sozusagen den Bildgrund abgibt, auf dem dann meist mittels Sgrafitto-Technik die Geschichte dargestellt wird, erfindet die Keramikmeisterin, Bildhauerin und Künstlerin Angelika Maria Stiegler neue „Leitformen“ für ihre neuen Aussagen. Die Analyse der Gefäßobjekte zeigt deutlich das neue Ergebnis, nämlich die gelungene Synthese aus Plastik, Relief, sowie Grafik und Malerei, sobald Farbigkeit akzentuiert eingesetzt wird. Wie in einer einzigartigen Symbiose leben Volumen und Relief, Linienstrukturen, die das Relief ergänzen und erweitern, mit Farbigkeit zusammen, und erst alle vier Kategorien ergeben diese in der modernen Keramik einzigartigen Schöpfungen der Angelika Maria Stiegler. Der reliefartige Leib von Figuren wird volumenhafter Bestandteil vom Gefäß selbst. Gefäß und Leib wären nicht zu trennen, ohne dass beide zerstört würden. So erkennen wir bei Angelika Maria Stiegler nicht wie in der klassischen Antike Malgrund (Gefäß) und Bildgeschichte (Sgraffito) als zwei eigentlich selbständige Aspekte, sondern Plastik, Relief, Grafik und Malerei als eine formale unauflösliche Einheit für die Bildaussage. Die mythologische Gedankenwelt, die sich für die klassische Antike umverschlüsselt darstellte – d.h. die Menschen damals konnten die Bildgeschichten und Bildbotschaften gut ablesen, während wir heute Interpretationshilfen benötigen – die mythologische Gedankenwelt war zu jener Zeit also allgemeinverständlich, weil sie ja nach der griechischen Vorstellungswelt dieselbe abbildete und zwar ziemlich abbildgenau. Anders ergeht es uns, wenn wir in die Gedankenwelt der Angelika Maria Stiegler eintauchen, wie eingangs versprochen. Bilder und Bildrelief von Angelika Maria Stieglers Objekten verweisen – meistens wenigstens – ebenfalls auf mythologische Inhalte: Da ist von verliebten Satyrn, von Faunen und Nymphen, von König UBU, auch von Paris und der schönen Helena, von Reiterkönigen und ähnlichem die Rede: Manchmal kann man die lyrisch-expressiven Keramiken lesen, indem man den Rundungen des Gefäßes folgt, also wie beim Comic Bild für Bild durchliest, bis man die ganze Geschichte erfahren hat, ein anderes mal sieht man ein in sich abgeschlossenes Bild oder Relief wie ein Medaillon auf der Vorderseite des Gefäßes; dreht man es um, kann man den Rest der Geschichte auf dem Bild der Rückseite des Gefäßes erfahren. Weiterhin beobachtet man, dass sich auch die plastische Form in die erzählte Geschichte einordnet: Faunfüße werden zu Vasenfüßen, Schwänze werden zu Henkeln, Hörner zu Knäufen, die Verschmelzung von Form und Inhalt wird offensichtlich, Inhalt wird total und mit den Mitteln der Plastik, Reliefkunst, Grafik und Malerei umgesetzt, besser gesagt: ins Bild gesetzt. Wir haben eben festgestellt, dass mythologische Anspielungen durch die Objektkunst von Angelika Maria Stiegler stattfinden. Aber müssen wir die antiken Mythen und Sagen unbedingt kennen, um die Bildbotschaften von Angelika Maria Stiegler zu verstehen? Müssen wir wirklich nicht! Die narrativen Strukturen, die erzählten Geschichten, die Angelika Maria Stiegler auf ihren und durch ihre Objekte sichtbar macht, sind tiefgründiger als der erste Augenschein vermuten lässt. Die Anlehnung oder Adaption antiker Mythologien dient bei Angelika Maria Stiegler allenfalls als Katalysator für eigenes Empfinden und Fühlen, es macht latente oder auch offenkundige Wünsche und Sehnsüchte von allen Menschen sichtbar. Zwar entstehen die Bildbotschaften aus der Person der Künstlerin heraus, stellen somit auch ihre eigene Auseinandersetzung – bewusst oder unterbewusst – mit diesen Themen menschlicher Ängste, Sehnsüchte und Wünsche dar. Aber durch die Projektion dieser Empfindungen und Regungen, auch Erregungen, auf Gestalten der Mythologie werden die Inhalte für uns alle transparent und erfahrbar und nachvollziehbar, insbesondere durch die herrliche Vermenschlichung dieser latenten Bedürfnisse und Gefühle! Beachten Sie bitte, wie Angelika Maria Stiegler mit einer augenzwinkernden Ironie ihre Helden zeigt, wie formal lässig und oft fragmentarisch dargestellt, sie ihre Figuren fühlen und handeln lässt. Andeutungen genügen oft, um in der Fantasie des Betrachters fortgeführt zu werden. Damit kann Identifikation des Betrachters in der Figur auf dem Gefäßobjekt erreicht werden. Die menschliche Nähe ist gegeben. Das sind keine Helden, die sich durchs Bild räkeln, sondern Figuren, mit denen ich mich in ihrem Fühlen, Denken und Handeln identifizieren kann, also Menschen wie Du und Ich! Die Kunst der Angelika Maria Stiegler macht sichtbar und deckt auf, haben wir eingangs versprochen. Selbst die Auseinandersetzung der Geschlechter wird hier mit jenem ironischen Augenzwinkern von der Künstlerin aufgegriffen. Keine idealtypischen Schönheitsidole, keine Traumbodys begegnen hier einander, sondern Wesen mit äußerst menschlichen Zügen und äußerst menschlichen Regungen und Bedürfnissen. So zeigen sich die Objekte der Keramikkünstlerin Angelika Maria Stiegler als völlig neuartige bildnerische Verdichtungen zeitgemäßer und auch zeitloser Problemstellungen aus dem zwischenmenschlichen Bereich. Diese Verdichtung erzählerischer, narrativer Strukturen schafft Angelika Maria Stiegler auf eine sehr originelle Art, indem sie Malerei, Plastik, Grafik und Reliefkunst mit keramischen Mitteln verbindet und damit für ihr Anliegen eine adäquate formale Lösung findet und erfindet. Zu diesem Ansatz fügt sich auch, dass sich bei der heute zu sehenden Ausstellung Angelika Maria Stiegler zur künstlerischen Ausformulierung ihrer Gedanken- und Gefühlswelt der Keramik bedient. Wir wissen aber auch, dass die Keramik bei Angelika Maria Stiegler nur eine Weise ist, sich auszudrücken: daneben ist Angelika Maria Stiegler Bildhauerinn und sogar die Druckgrafik wird ihr Ausdrucksmittel. Über den bloßen Augenschein hinaus funktionieren die schöpferischen Keramiken von Angelika Maria Stiegler auf ganz neue Weise also. Zum einen kann der Einstieg zum Verstehen dieser Objekte zwar über archaische Mythen und Inhalte geschehen, soweit der Betrachter diese erkennen und interpretieren kann. Was aber neu durch die hier ausgestellten Arbeiten deutlich geschehen, soweit der Betrachter diese erkennen und interpretieren kann. Was aber neu durch die hier ausgestellten Arbeiten deutlich wird, ist das Vor-Augen-Führen einer zeitlosen, ja besonders neuzeitlichen Problematik zwischenmenschlicher
Beziehungen. Die Umdeutung antiker Verhaltensweisen durch die Arbeiten von Angelika Maria Stiegler führt zu zeitgemäßen Problemen um Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen und kann uns lehren, auch liebevoller miteinander umzugehen. Ein Zweites wird an den Arbeiten von Angelika Maria Stiegler deutlich: Sie schafft verdichtete Aussagen über Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit, gerade indem sie ihre Helden vom Götterhimmel auf die Erde holt, sie schafft bildhafte, sichtbare Symbole, liebevolle Symbole menschlicher Regungen und Gefühle in ihrer einzigartigen Methode der Verbindung und Versöhnung von Plastik, Malerei, Relief und Grafik. Das sind Objekte als Symbole, die man auf jeden Kaminsims und jede Fensterbank stellen kann, die in ihrer ins Bild gebrachten menschlichen Wärme und Nähe nicht die Aura des Museums benötigen, wie Susanne Schreiber einmal festgehalten hat. Auf diese Weise haben die Objektgefäße oder Gefäßobjekte der Angelika Maria Stiegler trotz ihrer gewollten Disfunktionalität eine bedeutende Funktion: als liebevolle Symbole menschlicher Regungen und Gefühle sind sie Merkmale und Merkzeichen zur Freude im Alltag in einer Welt, die zunehmend von menschlicher Kälte und Aggression gezeichnet ist.“

 

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