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EXHIBITIONS // AUSSTELLUNGEN

Description

SO FLIEGE DENN MEIN KIND, STEIG AUF ZU DEM DER GÖTTER . . .

Kalender mit kurzen Erzählungen, Anekdoten und Parabeln haben in der Literaturgeschichte eine lange Tradition. Die berühmtesten Kalendergeschichten stammen von Johann Peter Hebel, der sie vor bald 200 Jahren unter dem Titel “Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes“ gesammelt hat. Die Künstlerin Angelika Maria Stiegler erweitert die Gattung mit diesem Kalender, denn sie stellt Gedichten der Weltliteratur ihre Mischtechniken und Skulpturen zur Seite.

Ihr Interesse gilt der Darstellung des menschlichen Körpers in Erzählungen von Liebe und Sehnsucht, von Erfüllung, Wunsch und allerlei Nuancen dazwischen. Ihre neuesten Werke illustrieren nicht, sie konzentrieren und verdichten. Sie schaffen ein Bild für jene Sekunde, in der das Gefühl umschlägt, sei es in Liebeswonne oder in Liebeskummer. Die Künstlerin deutet in solcher Verdichtung zweierlei an: das, was schon in der Vergangenheit liegt, und das, was sich in allernächster Zukunft ereignen wird.

Wie die Gedichte von Sappho, Ovid, Catull und Louise Labé  –  neu übersetzt von dem Dichter und Gelehrten Eske Bockelmann  –, wie die Verse von Johann Wolfgang von Goethe und Annette von Droste-Hülshoff mit sparsam gesetzten  ganze Panoramen von Liebesfreud` und Liebeszagen entwerfen, enthalten auch die Kunstwerke von Angelika Maria Stiegler so viele Details, dass im Kopf des Betrachters ein ganzer Film zu laufen beginnt, hat er erstmal mit dem Betrachten begonnen.

Welten tun sich auf:  die der Mittelmeerkulturen, die heitere Sinnlichkeit sonnendurchfluteter, antiker Haine, das leichtfüßige Aufeinanderzugehen zweier in Liebe und Leidenschaft Entflammter, das Beschwören magischer Augenblicke durch selbstbewusste Weiblichkeit, aber auch das aus dem Gleichgewicht-Geraten durch Liebe und Eros. Angelika Maria Stiegers Bilderzählungen sind äußerst knapp gehalten und doch prägnant. Eingeflossen sind Erfahrungen aus 20 Jahren in ihrem eigenen Werkstattatelier in München-Haidhausen als Keramikerin, Bildhauerin und Malerin. Studienaufenthalte in Brasilien, ein Lehrauftrag an der University of  Cincinnati sowie rege Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland haben Stieglers Bildsprache geformt und geschliffen.

Konzentration auf das Wesentliche, der Blick auf das, was die Welt im Innersten zusammenhält, beschreibt neben Angelika Maria Stieglers Kunstwerken auch die Funktionen eines Kalenders. Ursprünglich regelten Mondphasen und Sonnwenden die günstigsten Saat- und Anbauzeiten. Heute koordiniert  der Kalender unsere Termine, Meetings und Deadlines. Damit im Takt des modernen Termin- und Warengeschäfts, im Rhythmus weltweit verstreuter Börsenplätze die Emotionen nicht zu kurz kommen, schafft dieser Kalender die Möglichkeit innezuhalten. Und nachzudenken über Liebeswonne, Glückstaumel und Seelenbrand sowie die Zeit, die es braucht, um diese Gefühle entstehen zu lassen. Nur in einer ausgeglichenen Balance von privatem und beruflichem Erfolg summieren sich Tage und Nächte eines Jahres zu einem erfüllten Jahr. Dazu möchte der Kalender wie ein Schatzkästlein des modernen Hausfreundes anregen.

Susanne Schreiber,
Düsseldorf im Juni 2009